Jasmin Möser spricht in ihrer Podcastfolge für Selbstständige, über tiefe Erschöpfung und was man für sich tun kann

Folge 48: Selbstständig und tief erschöpft – Was tun?

Der Video-Podcast mit PLOPP-Effekt für Selbstständige und kleine Unternehmen. Tipps & Stories rund um Finanzen, Selbstmanagement und Selfcare – die drei Themen, die Selbstständige umtreibt. Kurz. Knackig. Pragmatisch. Jeden Mittwoch.
Mit Jasmin Möser – Die mit dem PLOPP-Effekt fürs Business.


Du bist selbstständig. Du bist verantwortlich. Für Kunden, Aufträge, Mitarbeitende, Rechnungen, Termine und wahrscheinlich auch für vieles, das niemand sonst auf dem Schirm hat.

Du arbeitest viel. Du hältst durch. Du löst Probleme. Und trotzdem wird es nicht leichter.

Vielleicht wachst du morgens auf und bist schon müde. Nicht einfach „noch kein Kaffee“-müde, sondern so erschöpft, dass du beim Blick auf deinen Kalender sofort denkst: Wie soll ich diesen Tag bitte schaffen?

Dann ist es Zeit für Klartext:

Durchhalten ist keine Unternehmensstrategie.

Es gibt stressige Phasen, die in der Selbstständigkeit dazugehören. Aber wenn dein Unternehmen dauerhaft nur noch funktioniert, weil du dich selbst übergehst, ist das kein Beweis für Stärke. Es ist ein Warnsignal.


Wenn „viel los“ zum Dauerzustand wird

Natürlich gibt es Wochen, in denen mehr los ist als sonst:

  • Ein großer Auftrag muss fertig werden.
  • Ein Teammitglied fällt aus.
  • Eine Reklamation braucht Aufmerksamkeit.
  • Die Saison läuft auf Hochtouren.
  • Privat ist gerade zusätzlich viel los.

Das ist anstrengend, aber meistens überschaubar. Du weißt: Diese Phase hat einen Anfang und ein Ende. Schwierig wird es, wenn die Ausnahme nie endet.

Du sagst seit Monaten:

  • „Nach diesem Auftrag wird es ruhiger.“
  • „Wenn die neue Mitarbeiterin eingearbeitet ist, wird es besser.“
  • „Nach den Ferien sortiere ich mich.“
  • „Wenn diese Rechnung endlich bezahlt wird, kann ich wieder atmen.“
  • „Ab nächstem Monat mache ich es anders.“

Und dann kommt der nächste Engpass.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burn-out im beruflichen Zusammenhang als Folge von chronischem Stress, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Dazu zählen starke Erschöpfung, eine innere Distanz zur Arbeit und das Gefühl, im Beruf weniger wirksam zu sein. Burn-out ist in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen eingeordnet, nicht als medizinische Diagnose.who+1

Du musst dir deshalb keine Diagnose geben. Aber du darfst deine Erschöpfung ernst nehmen.


Du bist nicht faul – dein System ist überlastet

In Beratungen höre ich oft Sätze wie:

„Ich arbeite wirklich viel. Aber ich habe das Gefühl, ich schaffe trotzdem nichts mehr.“

Wenn wir uns dann gemeinsam eine typische Woche anschauen, wird schnell klar, warum.

Montag: Zwei Mitarbeitende haben Fragen. Ein Kunde möchte sofort eine Änderung. Ein Lieferant meldet ein Problem. Ein Termin muss verschoben werden.

Dienstag: Eine Krankmeldung. Drei Angebote, die „ganz dringend“ rausmüssen. Der Steuerberater braucht Unterlagen.

Mittwoch: Eine Reklamation. Mehrere Rückrufe. Ein Kunde möchte über den Preis sprechen. Die Materialbestellung ist liegen geblieben.

Donnerstag: Du hattest eigentlich Zeit für Zahlen, Planung und wichtige Entscheidungen reserviert. Aber dann kommen wieder zwei „kurze“ Fragen und ein Notfall, der gar keiner ist.

Freitag: Du warst die ganze Woche beschäftigt. Aber deine eigenen Themen liegen immer noch da.

Das Problem ist nicht, dass du zu wenig arbeitest. Das Problem ist, dass du fast nur noch reagierst.

Du bist die zentrale Schaltstelle für alles:

  • Entscheidungen
  • Rückfragen
  • Beschwerden
  • Terminänderungen
  • Sonderwünsche
  • Fehlerkorrekturen
  • spontane Kundenwünsche

Wenn alles über dich läuft, braucht dein Unternehmen nicht noch mehr Einsatz von dir. Es braucht andere Strukturen.


Eine Pause hilft – aber sie löst nicht alles

„Du musst einfach mal Urlaub machen“ ist gut gemeint. Und ja: Erholung ist wichtig.

Aber wenn du nach drei freien Tagen wieder mit Bauchschmerzen an dein volles Postfach denkst, dann liegt das Problem nicht nur an fehlender Pause.

Dann liegt es auch daran, dass dein Betrieb während deiner Abwesenheit entweder nicht gut weiterläuft – oder dass du davon überzeugt bist, dass er es nicht kann.

Eine Woche Urlaub kann dir Luft verschaffen. Sie ersetzt aber keine klaren Zuständigkeiten, keine saubere Kalkulation und keine Grenzen.

Deshalb ist die bessere Frage nicht:

„Wie kann ich mich noch besser erholen?“

Sondern:

„Was zieht mir im Unternehmen dauerhaft Energie – und was muss sich daran verändern?“


Vier konkrete Schritte raus aus dem Dauerstress

Du musst nicht dein gesamtes Unternehmen in einer Woche umbauen. Wenn du erschöpft bist, wäre das sogar der sicherste Weg in die nächste Überforderung.

Fang klein an. Aber fang konkret an.

1. Druck aus dem System nehmen

Wenn alles gleichzeitig wichtig wirkt, hilft keine noch längere To-do-Liste. Du brauchst eine ehrliche Sortierung.

Nimm dir 20 Minuten und schreibe drei Überschriften auf:

Muss diese Woche passierenKann wartenMuss nicht mehr durch mich passieren
Rechnung für den größten Auftrag schreibenWebsite-Texte überarbeitenTerminabstimmungen
Gespräch mit dem kritischen Kunden führenNeue Software vergleichenStandard-Angebote vorbereiten
Liquidität für den Monat prüfenBüro aufräumenMaterial nachbestellen

Die Liste wird nicht alle Probleme lösen. Aber sie bringt dich aus dem Gefühl heraus, dass alles gleichzeitig auf deinen Schultern liegt.

Besonders wichtig ist die dritte Spalte: „Muss nicht mehr durch mich passieren.“

Dort stehen häufig genau die Dinge, die du aus Gewohnheit immer noch selbst machst:

  • Termine koordinieren
  • Standardmails beantworten
  • Material bestellen
  • einfache Rückfragen klären
  • Unterlagen zusammensuchen
  • Angebote aus Vorlagen erstellen
  • Rechnungen vorbereiten

Delegieren heißt nicht, dass jemand etwas beim ersten Mal exakt so erledigt wie du. Delegieren heißt, Verantwortung schrittweise abzugeben, Fragen zuzulassen und Menschen die Chance zu geben, Routine aufzubauen.


2. Den „Ich mach das noch schnell“-Reflex stoppen

Viele erschöpfte Unternehmer:innen verlieren ihre Energie nicht nur durch große Probleme. Sie verlieren sie durch ständige Unterbrechungen.

Du willst gerade eine wichtige Rechnung schreiben. Dann klingelt das Telefon. Danach kommt jemand mit einer Frage ins Büro. Dann liest du eine Mail, die dich aufregt. Dann denkst du: „Bevor ich es vergesse, mache ich das noch schnell.“

Und plötzlich ist eine Stunde vorbei.

Die Lösung ist nicht, nie wieder erreichbar zu sein. Die Lösung ist, nicht mehr jede Anfrage sofort zu deiner Aufgabe zu machen.

Übe klare Sätze wie:

  • „Ich schaue mir das an und melde mich morgen dazu.“
  • „Bitte notier dir das für unsere Fragerunde um 15 Uhr.“
  • „Das ist kein Notfall. Wir klären das nach dem Kundentermin.“
  • „Bring bitte zwei Lösungsvorschläge mit, dann entscheiden wir gemeinsam.“
  • „Dafür ist ab jetzt Frau Meier zuständig.“

Diese Sätze wirken vielleicht klein. Aber sie verändern deine Rolle.

Du reagierst nicht mehr reflexhaft. Du setzt einen Rahmen.


3. Prüfen, welche Arbeit dich wirklich trägt

Erschöpfung wird besonders hart, wenn du nicht nur zu viel arbeitest, sondern für diese Arbeit auch noch zu wenig verdienst.

Dann arbeitest du den ganzen Tag – und hast trotzdem keine finanzielle Sicherheit.

Schau deshalb nicht nur auf den Umsatz. Schau auf die Qualität deiner Aufträge.

Frag dich:

  • Welche Aufträge bringen wirklich Geld?
  • Bei welchen Kunden entsteht immer wieder unbezahlter Zusatzaufwand?
  • Welche Leistungen dauern viel länger als geplant?
  • Wo sind Nacharbeit, Rückfragen oder Reklamationen inzwischen normal geworden?
  • Welche Preise funktionieren nur, wenn du selbst unbezahlte Überstunden machst?

Ein Auftrag mit gutem Umsatz kann dich trotzdem wirtschaftlich schwächen, wenn du dafür unverhältnismäßig viel Zeit, Energie und Nacharbeit investierst.

Manchmal brauchst du nicht mehr Aufträge. Du brauchst bessere Entscheidungen:

  • Preise anpassen
  • Leistungsumfang klarer formulieren
  • Zusatzleistungen berechnen
  • schlechte Aufträge ablehnen
  • Kunden loslassen, die dich regelmäßig aus dem System ziehen

Das ist nicht hart oder unsozial. Es ist notwendig, wenn du ein Unternehmen führen willst, das dich nicht dauerhaft auffrisst.


4. Hilfe holen, bevor gar nichts mehr geht

Viele Selbstständige tragen sehr lange allein.

Sie sagen sich:

  • „Das muss ich doch selber lösen.“
  • „Ich kann mir jetzt keinen Ausfall erlauben.“
  • „Andere schaffen das doch auch.“
  • „Ich darf keine Schwäche zeigen.“

Aber Hilfe zu holen ist keine Schwäche. Es ist Verantwortung.

Je nachdem, was dich belastet, kann Unterstützung ganz unterschiedlich aussehen:

  • Ein ehrliches Gespräch mit einer vertrauten Person.
  • Ein Arzttermin, wenn Schlaf, Konzentration, Stimmung oder körperliche Beschwerden dauerhaft beeinträchtigt sind.
  • Unterstützung durch Steuerberatung, wenn finanzielle Sorgen dich unter Druck setzen.
  • Unternehmensberatung, wenn Rollen, Preise, Prozesse oder Arbeitsabläufe nicht mehr tragen.
  • Entlastung zuhause, wenn auch privat alles an dir hängen bleibt.

Wenn du dich in einer akuten psychischen Krise befindest, dir etwas antun könntest oder dich nicht sicher fühlst, hol dir sofort Hilfe. In Deutschland erreichst du den Rettungsdienst unter 112. Für dringende medizinische Probleme, die keinen Rettungsdienst erfordern, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 erreichbar.


Du musst nicht erst zusammenbrechen

Viele Menschen erlauben sich Entlastung erst, wenn gar nichts mehr geht.

Wenn der Körper streikt.
Wenn der Schlaf nicht mehr funktioniert.
Wenn sie nur noch gereizt sind.
Wenn Kundenanrufe Angst machen.
Wenn sie beim Blick aufs Konto oder ins Postfach schon körperlich zusammenzucken.

Warte nicht darauf.

Du darfst etwas verändern, weil es schwer ist. Du musst nicht erst beweisen, dass es unerträglich geworden ist.

Vielleicht ist der erste Schritt heute nicht groß:

  • Einen Termin absagen oder verschieben.
  • Eine Aufgabe verbindlich abgeben.
  • Eine Rechnung endlich schreiben.
  • Ein Nein aussprechen.
  • Einen Chef-Block in den Kalender setzen.
  • Ein Gespräch mit Arzt, Beratung oder einer vertrauten Person vereinbaren.
  • Einen Nachmittag wirklich frei nehmen.

Das klingt vielleicht nicht nach einer revolutionären Unternehmensstrategie. Aber es ist der Anfang davon, wieder handlungsfähig zu werden.


Klartext zum Schluss

Wenn Fleiß und Durchhalten nicht mehr reichen, fehlt dir nicht unbedingt Motivation.

Vielleicht trägst du einfach zu viel.

Dein Unternehmen braucht nicht deine letzte Energie. Es braucht klare Grenzen, tragfähige Preise, weniger unnötige Unterbrechungen und Strukturen, die nicht bei jeder Kleinigkeit an dir hängen.

Frag dich heute nicht:

„Wie kann ich noch mehr schaffen?“

Frag dich:

„Was muss aufhören, damit es wieder tragbar wird?“

Vielleicht ist es ein Kunde.
Eine Aufgabe.
Eine ständige Erreichbarkeit.
Ein Auftrag, der sich nicht rechnet.
Oder die Vorstellung, dass du alles allein lösen musst.

Du bist nicht nur die Arbeitskraft in deinem Unternehmen. Du bist der Mensch dahinter.

Und auf diesen Menschen musst du aufpassen.

Eine erfolgreiche Woche für Dich und pass auf Dich auf.

Jasmin Möser
Die mit dem Plopp-Effekt fürs Business

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Jasmin Möser ist der Host von LÄuft! Wieder... dem Podcast für Selbstständige
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Jasmin Möser (Dipl.-Betriebswirtin) begleitet Selbstständige und kleine Unternehmen durch schwierige Phasen – wenn die Existenzgrundlage gefährdet ist, hilft sie digital oder persönlich vor Ort. Ehrlich, direkt und mit einem seit 2007 hundertfach erprobten Fahrplan.

Ihre Kernthemen: Finanzen, Organisation und Motivation. Ihr umfangreiches Wissen gibt sie weiter in ihrem wöchentlichen Podcast, ihrem Buch & Webinar, in ihrem Onlinekurs und der persönlichen Beratung. Deutschlandweit.